ERÖFFNUNGSREDE zur Eröffnung der Ersten Kärntner Kurzschluss-Handlung, gehalten vor dem Geschäftslokal in der 10.-Oktoberstraße, am 15. Nov. 1999,
von DIETMAR PICKL

Sehr geehrte Damen und Herren!

Seit 7.00 Uhr früh wird am Nordrand dieser Stadt die Eröffnung eines Ladens auf 8.000 m2 zelebriert. Bald wird dort geschlossen. Die Eröffnung dieses Betriebes auf 80 m2 steht noch bevor. Es gilt für Sie noch diese von mir zu haltende Rede zu überstehen, um dann in den geöffneten, weil eröffneten, also offenen Laden einzudringen, sich in das Innere zu zwängen, als Schiebende und Geschobene, als Drängende und Gedrängte, als Gierige und Begehrte, als Besitzenwollende und Besessene.

Sie bemerken die Intention meiner Rede: Ich bereite die Ladeneröffnung vor.

Eine Rede kann versprechen, informieren, ablenken, hinweisen, verdammen, verdummen, aufklären, verdunkeln.

Meine Rede will vor allem verzögern, hinausschieben, die Wartezeit, das Vorspiel verlängern, einem introitus praecox entgegenarbeiten. Es soll ja lustig werden. Demnach muss hier draussen Lust gemacht werden auf drinnen.

Sie merken, wo es lang geht: Ich spreche von der Wirtschaft: Ein kleiner Handelsbetrieb öffnet seine Tore, viele Köche haben den Brei nicht verdorben, er ist gut gewürzt, treibt vielleicht dem einen oder anderen das Wasser in die Augen, ist und macht scharf, Genießer und Genussspechte werden auf ihre Rechnung kommen.

Sie merken, wo ich hin will: Ich rede vom Betrieb. Eigentlich vom Trieb. Das macht aber keinen Unterschied. Treiben wirís demnach weiter, bevor es losgeht.

Ich hatte einen Traum. Das könnte der Titel der Rede sein: Ich hatte einen Traum: Die Künstler eines Landes, eines kleinen Landes, irgendwo zwischen Afrika und Bayern machen ihr Geschäft, aus Not zum einen, und aus Bedürfnis zum andern, aus Notdurft sozusagen und kommen im Geschäft ins Geschäft. Der Traum als Hüter des Geschäftes, der Traum als Hüter des Ladens. Der Traum als Ladenhüter. Der Titel ist besser: Der Traum als Ladenhüter. Wir gehen - im Traum natürlich - in den Laden und merken von Schritt zu Schritt, dass da im Laden oder im Traum einiges nicht stimmt - merkwürdig.

Wo gibts denn sonst noch eine Orale Abteilung: Das Landeskreuz für Naschkatzen zum Wegessen, Bomben, nicht aus Schweden, sondern aus Wasser zum Lutschen, weil gefroren, Parolenwerfer, "parol -oral", prima le parole, poi la musica - Sprachkurs bi-oral mit Musik.

Linksherum die Analecke: Nest entschmutzen, Kulturbeutel ergreifen, Sterntaler sammeln-Bärntaler sind aus Gold. Gold = Geld = Kot haben wir gelernt- stinkt aber nicht, obwohl schmutzig. Säulenhäubchen nicht aus Gold, sondern aus dem anderen Stoff - Sie wissen schon: stinkt, schmutzig, menschlich. Die Wurst der Region in der gestreckten Form (ohne Kringel) markiert raffiniert und sinnvoll den Übergang zum

Genitalen Sektor: Dreschflegel, Nicht-in-die-Kultur-Eindring-Hinweis-Pfahl, phallisch-sadistische Reissnägel, penisneidige Frauenprogrammrevolver.

Ekel, Angst, Abscheu mehren sich und mobilisieren schlussendlich das innerbetriebliche Über-Ich, das Zensorenköfferchen ist gut bestückt, die Identitätsschutzhüllen liegen ausgabebereit, der Ermutiger skandiert: Keine Angst! Keine Angst! Keine Angst! - Doch die Angst vor Trieb- und Betriebsüberflutung will nicht weichen: Da gibtís den Zündstoff aus Slowenien, den Jugokoffer, das Partisanen-Radio /Umvolksempfänger! Wohin also mit der Angst? - Abwehr , Abwehr, Abwehr!

Aber wie? Kämpfen? 80 Jahre danach!

Probieren wirís mit der Regression: Trotzen, bocken, dasLand einfach zusperren, den Schlüssel wegschmeissen, ätsch! Oder kuscheln mit der Wärmflasche .

Wie wärs mit Ungeschehenmachen? Das Land zwischen Afrika und Bayern ausschneiden und dadurch Österreich ermöglichen?

Könnte eine Reaktionsbildung die Lösung sein? Wenn die Angst vor der Grenze, die Angst um die Grenze und die Angst vor dem Land jenseits der Grenze übergroß wird, warum dann nicht wirklich senza confini, brez meja? Abverkauf der Grenze im Maßstab 1:10.000, eingepackt, gezahlt, abgetragen, weggetragen. War da jemals eine Grenze? Grenzenloses Vergnügen, grenzenlose Lust!

Versuchen wir es auch noch mit der Projektion: Die Taschenlampe, der Parolenwerfer (wir kennen ihn schon), das Heimvideo werfen die Ängste an die Wand, da kleben und hängen nun die Ängste in der steilen Wand und kommen nicht vor und zurück, weil sie die Grenze suchen und die gibtís bekanntermaßen nicht mehr.

An Sublimierung sollten wir erst gar nicht denken: Das Unbehagen in der Kultur als Folge dieser Sublimierung ist nun wirklich ausreichend- zumal noch angereichert durch das Unbehagen in der Kulturförderung.

Was tun bei soviel Unbehagen, Abwehr, Angst und Orientierungslosigkeit, Nichtauskennen und immer Bahnhof verstehen?

Analyse. Wir brauchen Analyse - die Couch steht im Keller links - der Traum will entschlüsselt werden, welcher Schlüssel passt? Den einen haben wir ja weggeschmissen! Die Bilder, die Ideen, die Wünsche, die Objekte und Symbole, die Rätsel und Verstrickungen, die Archetypen deuten hin, sind aber nicht die Deutung, haben keine abgesicherte, endgültige Bedeutung, schon gar nicht eine eindeutige, sind aber auch nicht bedeutungslos, sind deutungsfähig und deutungsbedürftig. Wie soll ich Ihnen das verdeutschen? Die Traumdeutung ist Schwerstarbeit: verdichten, verschieben, decodieren, neu zusammensetzen. Und dieser Widerstand: Zuerst muss der mal entwickelt werden und dann muss man ihn wieder bearbeiten. Übertragung und Gegenübertragung, die Stärke des Leidensdruckes, Art und Dauer der Symptomatik. Herrschaftzeiten , was sollen die Künstler denn noch alles tun? Verwechseln Sie sie nicht mit Traummännlein! Hier wird nicht eingeschlafen! Hier wird geträumt mit offenen Augen und offenem Mund und offenen Ohren im hoffentlich bald offenen Laden! Und vergessen Sie nicht, dass die Künstler Traumhersteller und Kurzschlussverursacher sind und keine Haftpflichtversicherungverkäufer! Oder etwa nicht?

Meine Rede neigt sich dem Ende zu. Haben Sie noch Lust auf mehr? Haben Sie überhaupt noch Lust? Auf Träume, den kollektiven Traum der Kurzschlüssler? Drängt es Sie zur Deutung? Sind Sie bereit und willens, meine Damen, meine Herren? Habe ich Sie einen Deut angeregter, aufgeregter, erregter gemacht? Ja? Dann dringen Sie ein und ergießen sich in die 1. Kurzschlusshandlung zwischen Afrika und Bayern.